Die Eiswürfel Geschichte

Wenn einem Menschen ein Trauma von überwältigendem Ausmaß widerfährt, ist das so, als würde dieser – teils schon während dem Geschehen, gänzlich aber unmittelbar nach dem Ereignis – in einem riesigen Eiswürfel einfrieren. Er erstarrt darin. Die Kälte hemmt Gedanken und Gefühle, lässt auch sie kälter und lebloser werden, weniger spürbar; genauso wie viele seiner Eigenarten oder auch manche seiner Interessen.

 

Erstaunt stellt der Mensch nach einer Weile fest, dass er sich noch bewegen kann, laufen, reagieren, arbeiten, sprechen. Alles ist etwas abgestumpfter, mechanischer. Manchmal ist sein Blick starr wie Eis sagen Andere. Aber meist bemerken die anderen Menschen die unsichtbare Eisschicht kaum. Der Mensch selbst sieht und hört die Welt aus seinem Eiswürfel heraus. Das Eis ist eine dicke Trennwand zwischen ihm und der Welt.

 

Erinnerungen und Gefühle zur traumaischen Situation, hängen wie Eiskristalle als einzelne Fotos und Filme starr im Innern des Würfels und sind damit wieder abgekapselt vom Menschen im Eiswürfel, der, ob er es nun will oder nicht, sein Universum wird. In der Kälte gefangen, starren ihn die Erinnerungsbilder unentwegt an und die Filme laufen immer wieder ab, so als hätte Jemand die Repeat Taste gedrückt. Der Mensch sieht dieselben Ereignisse wieder und wieder ganz genau.  Manchmal überschwemmen ihn dazu Gefühle wie ein brennender Lavastrom mitten im Eis. Je heißer die Lava umso dicker wird das Eis in der Folge. So gibt es nur verbrennen oder schockgefrieren.

 

Andere Trauma-Erinnerungen sind unsichtbar. Sie wurden ganz verschüttet unter der dicken Eisschicht. Der Mensch kann sie nicht verstehen und begreifen oder zu sich nehmen, weder jene, die verschüttet sind, noch die die ihn dauernd anstarren und immer wieder ablaufen. Das Eis ist zwischen ihm und Ihnen, so wie es zwischen ihm und der Welt steht.   

 

Die Welt selbst und das Leben gehen weiter wie eh und je. Und doch ist im Menschen und um ihn her alles anders. Manchmal ist das befremdlich. Der Mensch klopft gegen das unsichtbare Eis. Er lächelt und winkt, ruft, flüstert, fleht und schreit, will durchdringen zum Trauma, wie zur Welt und kann das Eis doch nicht durchbrechen. Sogar die passenden Worte sind erfroren. Es macht den Menschen starr und leer, wie auch ganz ängstlich und verstört. Hat er doch einmal zur Welt dazu gehört.

 

 Seine Interessen und die erfrorenen Eigenschaften fehlen dem Menschen manchmal sehr. Er weiß kaum noch, wie er einmal war und er mag nicht, wer er geworden ist. Er ist einsam und friert manchmal bitterlich, hinter der dicken Eisschicht. Der Würfel hat enormes Gewicht, unter dem der Mensch mit Jedem weiteren Tag mehr und mehr zusammenbricht.

 

Wie können die Verbrennungen enden und das Eis tauen, wie kann er dem Leben wieder trauen?

 

Es gibt Wege und hilfreiche Anlaufstellen zum sanft wärmenden Licht, unter dem das Eis langsam schmilzt, Schicht um Schicht, sodass auch Schweigen in schützendem Rahmen wieder bricht, nur für Menschen mit Behinderungen nicht.

 

Berge Treppen und Vorurteile versperren Ihnen fast alle Wege, erst recht mit dem Eiswürfel und seinem zusätzlichen Gewicht. Zu viele der anderen Menschen sehen nicht nur den unsichtbaren Eiswürfel- sondern auch den Menschen inmitten der Behinderung nicht. So rauben sie die letzte Hoffnung auf Leben und Licht, von Angesicht zu Angesicht. 

 

- Permuschel_Mia -

 

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