Verbündete*r/Ally sein

Was kann ich als Ally für Überlebende sexueller Gewalt machen?

Vorab ist es wichtig zu verstehen, was ein Ally ist, deshalb folgt hier eine kurze Definition:

Ein Ally ist eine Person, die eine vulnerable und marginalisierte Gruppe unterstützt und sich mit dieser Gruppe solidarisiert, obwohl die Person selbst nicht von der Misshandlung oder Ausgrenzung - aufgrund der eigenen Erfahrungen oder Merkmale - betroffen ist.

Der Fokus liegt allein bei Betroffenen/Überlebenden, auch wenn der*die Verbündete Schmerz bei dem Thema fühlt, denn es geht allein um die Menschen, die die Erfahrung durchlebt haben.

 

Wenn der Missbrauch nur wenige Zeit zurückliegt, wird von einer Schockphase gesprochen.

In dieser Zeit ist es als sich solidarisierende Person wichtig, emotionale Sicherheit und Stabilität zu bieten, das heißt konkret, den Betroffenen zuhören, glauben, verständnisvoll sein, ernst nehmen und das Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Gleichzeitig kann praktische Unterstützung, wie medizinische Versorgung und Essenszubereitung, essenziell sein.

In einem nächsten Schritt sollte gemeinsam überlegt werden: Was tut der betroffenen Person gut? Was lenkt sie ab? Wodurch kommst sie zur Ruhe?

Wenn die betroffene Person eine Anzeige erstatten will, ist es empfehlenswert erst zu einer kostenlosen Beratungsstelle, die sich auf das Thema spezialisiert hat, zu gehen.

 

Wenn die akute Schockphase überwunden wurde, ist es wichtig die betroffene Person bei der Verarbeitung zu unterstützen.

Auch hier ist es primär wichtig zuzuhören, zu glauben, verständnisvoll zu sein, die Person ernst nehmen und sich für das Vertrauen bedanken. Bestärken, durch Zuhören die betroffene Person entlasten, Ruhe ausstrahlen und stabilisieren. Als Vertrauensperson ist es wichtig einen sicheren Raum herzustellen. Die Situation muss dabei von einem selbst, den eigenen Gefühlen und Reaktionen getrennt werden. Als Vertrauensperson kann aktiv Unterstützung angeboten werden, Anlaufstellen und Infomaterial gesucht und bereitgestellt werden und zur professionellen Hilfe ermutigt werden, besonders bei starkem verändertem Verhalten wie z.B. sozialem Rückzug sollte es der betroffenen Person nahegelegt werden.

Die Täter*innen sind meist aus dem Freundes- bzw. Bekanntenkreis, die Freundschaft zu Täter*innen sollte beendet werden. Zudem sollte die Vertrauensperson den*die Betroffene darin bestärken, dass er*sie keine Schuld dafür trägt, denn allein der*die Täter*in ist für die sexuelle Gewalttat verantwortlich.

Aktiv kann von der Vertrauensperson geholfen werden, Routinen aufzubauen, um ein Gefühl von Kontrolle und Selbstbestimmung über das eigene Leben zurückzuerlangen.

 

Als Ally ist ein sensibles, empathisches Handeln gefragt, deshalb müssen einige Punkte beachtet werden. Betroffene sollten zu nichts gedrängt werden, weder beim Erzählen noch bei der Entscheidung, ob eine Anzeige erstattet wird oder nicht. Auf Warum-Fragen und Nachbohren sollte verzichtet werden, denn beim Nachbohren können Schuldgefühle verstärkt und die Person verunsichert werden.

Die Vertrauensperson sollte nichts unternehmen, das die betroffene Person nicht ausdrücklich möchte. Auch wenn es gut gemeint ist, hilft es der betroffenen Person nicht, ihr die Entscheidungskraft über die Situation abzusprechen. Das kann zu einem erneuten Kontrollverlust führen und Selbstbestimmung absprechen. Allgemein sollte sowohl von Ratschlägen, die nicht ausdrücklich erbeten wurden, oder von Schuldzuschreibungen (s. victim blaming) abgesehen werden und der*die  Täter*in an keiner Stelle in Schutz genommen werden oder der Missbrauch gerechtfertigt werden. Sexuelle Gewalt ist nicht zu rechtfertigen und ebenso wenig zu banalisieren.

Es gibt keine bestimmte Art und Weise, wie man mit den Erfahrungen umgeht, sie verarbeitet und bewältigt. Jede Person bewältigt und verarbeitet Krisen anders, so auch bei sexueller Gewalt. Zudem ist der*die Betroffene nicht nur ein Missbrauchsopfer, deshalb Vorsicht, dass die betroffene Person nicht als solches stigmatisiert wird.

 

Gespräche können auf unterschiedliche Weisen geführt werden, ein sensibler Umgang ist essenziell. Hier sind einige Beispiele, wie als Ally ein Gespräch eingeleitet werden kann:

Ø  „Ich will dich unterstützen. Was brauchst du gerade?“

Ø  „Es muss nicht nach einer bestimmten Zeit wieder gut sein. Es gibt kein Verfallsdatum für die Auswirkungen von der erlebten Gewalt.“

Ø  „Wenn ich mit Täter_innen befreundet bin, lass es mich wissen.“

 

Wissen, um zu unterstützen, ist wichtig. Deshalb kann es von großem Vorteil sein, sich aktiv mit den verschiedenen Themen rund um sexuelle Gewalt auseinandersetzen, das heißt zu hinterfragen, was Konsens bedeutet, welche Auswirkungen eine sexuelle Gewalttat in Form von Traumata auf die Lebensrealität der Betroffenen haben kann und was Rape Culture einschließt. Zu verstehen, dass sexuelle Gewalt jeder Person passieren kann und dass das gesellschaftliche Tabu um diese und noch konkreter um sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen gebrochen werden muss, ist essenziell. Sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen nimmt eine besondere Rolle in der Enttabuisierung ein, da sexuelle Gewalt oft im familiären Rahmen oder Bekanntenkreis passiert und der*die Täter*in irgendeine Art von Bezugsperson darstellt. In diesem Zuge werden die Missbrauchserfahrungen häufig runtergespielt, die Wehrunfähigkeit und Abhängigkeit ausgenutzt und die Wahrnehmung der Betroffenen vernebelt und manipuliert.

 

Als Ally musst du auch auf dich selbst aufpassen.

Gefühle von Verzweiflung, Ohnmacht, Wut, Überforderung, Hilflosigkeit, Ärger und Unverständnis können auftreten, wenn einer nahestehenden Person eine Gewalttat angetan wurde. Als Ally kannst du dir ebenfalls Hilfe und Ratschlag bei Hilfehotlines holen.

Habe im Hinterkopf, dass du als Ansprechperson auch Zeug*in einer Straftat bist. Mache dir deshalb Notizen über das Anvertraute und schreibe die Gefühlslage der Person auf. Erzähle davon der betroffenen Person.

Versuch einen sicheren Raum zu schaffen, mache dich jedoch nicht für den Heilungsprozess verantwortlich: Jede Person ist für den eigenen Heilungsprozess verantwortlich. Du kannst die Person nur begleiten, bestärken und unterstützen, mit deinen eigenen Grenzen klar gesetzt und beachtet. Wenn du versuchst rund um die Uhr für den/die Betroffene(n) da zu sein, bist du nach kurzer Zeit ausgebrannt und ziehst dich vielleicht sogar zurück oder entwickelst einen Groll gegen sie*ihn. Versuche nicht, der/die "Ersatztherapeut/in" zu sein!

 

Hilfe für dich als Ally als auch für die betroffene Person kann beim Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530 oder beim Frauen*notruf deiner Stadt und anderen Nummern gesucht werden.